Arbeitskreis Historie Kappel- Grafenhausen
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Volksfest zum Patrozinium

Erinnerungen aus den späteren Nachkriegsjahren

 

Schon zu Beginn der Woche kamen die Schausteller mit ihren Fahrzeugen, auf welchen sich die Bauteile für das Kinderkarussell, die Schiffschaukel, die Schießbude usw. befanden, an und begannen mit dem Aufbau.

Neugierige Zuschauer stellten sich vielleicht die Frage, ob die emsig, wie Ameisen von Stelle zu Stelle laufenden Männer wohl wissen, wo die vielen Einzelteile hingehörten. Obwohl das ganze Treiben auf den Zuschauer etwas chaotisch wirkte, steckte doch  die Erfahrung dahinter, welche einen raschen und geordneten Aufbau möglich machte.

Am Abend vor dem Fest, sowie auch am frühen Morgen, bauten Händler - manche kamen schon seit Jahren - in den Straßen ihre Verkaufsstände und Buden auf.

Am Festtagsmorgen marschierte die Bevölkerung unter froher Marschmusik von der Dorfmitte zur Kirche, um sowohl das Hochamt miteinander zu feiern, als auch an der dazu gehörenden Prozession teilzunehmen. Sowie der religiöse Teil des Tages beendet war, marschierten die Kirchgänger wiederum unter flotter Musik von der Kirche bis zum Rathaus, wo nebenan der Lindenplatz auch als Festplatz diente.

Manche Männer begaben sich von da aus noch schnell zu einem Frühschoppen in eine der Gaststätten - natürlich nur um ihren Frauen etwas mehr Zeit für die Zubereitung des Festmahls zu verschaffen.

Gut gestärkt und erwartungsvoll ging es dann nach dem Mittagessen mit der ganzen Familie zum Festgelände. Schon von weitem lockte der verführerische Duft gebrannter Mandeln, und die Musik der Kirmesorgel schallte den Besuchern entgegen.

Natürlich war das Karussell für die Kinder die erste Anlaufstelle. Zappelig standen sie da und warteten ungeduldig bis sie auf einem der Pferdchen, oder im Feuerwehrauto Platz nehmen konnten. Wie leuchteten ihre Augen und die Gesichter waren rot vor Erregung und Glück, wenn das Karussell seine Runden drehte.

Nach diesem Erlebnis durfte der Besuch des Süßwarenstandes nicht fehlen.

Das Riesenangebot an kandierten Früchten, gebrannten Mandeln und Nüssen, Zuckerwatte und Lebkuchenherzen war verwirrend. Die Kinderaugen wurden immer größer, aber um die Wünsche nicht ausarten zu lassen, entschieden doch meist die Eltern was gekauft wurde.

Der Süßwarenstand mit seinen Lebkuchenherzen wurde auch gerne von jungen Männern besucht, die dann meistens ein solches Herz mit der Aufschrift „Ich liebe dich“ kauften, um es ihren Mädchen zu schenken.

 

Auch der Lotteriestand verlockte zum Kauf von Losen. Manchmal fand man darunter einen Treffer, was ein Gefühl der Zufriedenheit auslöste. Da aber die Zahl der Nieten dominierend war, machte sich dann meist etwas Enttäuschung breit.

 

 

 

Orchestrion / Bild von Detmold auf Pixabay

Eine heute nicht mehr anzutreffende Attraktion war, die in der Nähe des Karussells aufgebaute Kirmesorgel, auch „Orchestrion“ genannt. Dieser Name basierte darauf, dass dieser Musikautomat ein ganzes  Orchester bzw. eine Blaskapelle – mit Schlagzeug, Pauke, Trommel, Becken und Triangel imitieren konnte.

 

Die Kirmesorgel war eine besondere Attraktion, da sie damals, aufgrund der inzwischen fortgeschrittenen Technik bereits Seltenheitswert besaß und vor allem den jüngeren Menschen nicht mehr bekannt war.

Das Orchestrion, welches überwiegend Marschmusik spielte, gab dem Fest den besonderen Flair.

Der Klang eines Orchestrions kann angehört werden mit dem Aufruf des Links:

https://www.museen-koenigslutter.de/highlights/orchestrion-helios/

 

 

Junge Leute waren, wie konnte es anders sein, besonders an der Schiffschaukel interessiert, welche sie gerne mit ihren Mädchen bestiegen. Wenn die Gondeln sehr hoch stiegen, fingen die Mädchen, sei es aus Freude oder aus Angst, an zu kreischen. Dies veranlasste die Buben jedoch zumeist die Gondel noch höher schwingen zu lassen.

 

Schießstand (L)

 

Danach ging es meist Hand in Hand zum Schießstand, wo der junge Mann seine Treffsicherheit demonstrieren und seiner „Holden“ damit imponieren wollte.

War er ein guter Schütze, so konnte er seinem Mädchen evtl. einen großen Plüschbären überreichen.

 

Auch das Angebot der Händler an ihren Buden und Ständen fand großes Interesse bei den Festbesuchern. So manche Hausfrau erwarb an diesen Tag an den Ständen für sich eine Schürze, oder einen Schal und sonstige benötigte Dinge, vielleicht für ihren Mann auch ein paar neue Socken.

 

Wollten die Besucher des Festes dem Trubel entgehen, besuchten sie auch oft eine der Gaststätten, um gemütlich etwas zu trinken und zu verzehren.  

 

In den Abendstunden fand man sich dann nochmals auf dem Festplatz ein, um die Stimmung, durch die mittlerweile eingeschaltete Beleuchtung und das dabei entstandene bunte Farbenspiel mit all seinen Lichtreflexen, zu genießen.

Die Kinder erhielten die letzten, noch in der Jackentasche verbliebenen, Karussell Billetts.

 

Unter diesem Eindruck, die Kinder waren inzwischen müde geworden, wurde der Heimweg angetreten. Die weithin schallende Musik der Kirmesorgel begleitete die Heimkehrer, meist bis sie zu Hause angelangt waren.

 

Für die Jugend war der Festtag natürlich noch nicht zu Ende. An diesem Abend fand, zunächst im Gasthaus zum Löwen und später dann, nach Eröffnung des Gasthauses zum Schiff, in dessen neueren und größeren Saales, eine Tanzveranstaltung statt. Zu den Rhythmen einer Tanzkapelle konnten junge Leute ihrem Vergnügen bis spät in die Nacht nachgehen.

 

Ja -  so manches Ehepaar hat vielleicht später den Kindern und Enkeln von diesem Fest erzählt - „Es war einmal ….“ und auch selbst kam die Erinnerung an diese Zeit noch manchmal zurück - „weist du noch damals, als ….“!

 

Für die meisten Besucher endete das Fest wahrscheinlich, so ist anzunehmen, mit der Zufriedenheit und Gewissheit einen besonderen Tag erlebt zu haben.

 

Noch in der Nacht hatten die Händler die Verkaufsstände wieder abgebaut und auch die Schausteller begannen ihre Attraktionen zu demontieren. Spätestens am Abend des folgenden Tages war alles erledigt, der Lindenplatz lag wie üblich leer und verlassen da.

Das Alltagsleben hatte die Bevölkerung wieder in seinem Bann.

 

 

Erzählt von Bruno Jäger                                    Kappel-Grafenhausen im Dezember 2021

 

Mein Dank gilt dem Schaustellerbetrieb Lützelberg für das Bildmaterial.

Link: www.karussell-luetzelberger.de/index.

 

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Begriffserläuterung

 

Orchestrion (Kirmesorgel)

 

Das Orchestrion gehört zu den mechanischen Musikautomaten. Es hatte den Zweck, möglichst ein ganzes Orchester zu imitieren. Diese Musikgeräte wurden gegen Ende des 18. Jahrhunderts erfunden. Die Apparate waren mit einem Elektromotor ausgestattet, welcher sowohl die Funktion der  mechanischen Einheiten, als auch den Betrieb des Blasbalgs und die pneumatische Funktionen ermöglichte.

Die Grundlagen für die Musikerzeugung waren Stachelwalzen, also Rundkörper, auf welchen Stahlstifte, entsprechend der Länge, welche ein Ton haben sollte, eingeschlagen waren. Dies betraf auch die Funktion für die mechanischen Hebel zur Steuerung von Bewegungen. Für jeden Ton und jede Bewegung war auf der Trommel eine eigene Spur erforderlich, so dass die Trommeln eine große Länge aufwiesen.

 

1883 ließ Emil Welte aus Furtwangen ein Verfahren patentieren, nach dem die Orchestrions durch gelochte Papierstreifen gesteuert werden konnten. Diese  Notenrollen, bzw. auch lange gefaltete  Blätter lösten innerhalb weniger Jahre die Stiftwalze ab, zumal die Lochbänder billiger waren und das Spielen viel längerer Musikstücke als bei den Stiftwalzen zuließen.

 

Die Fa. Hupfeld aus Leipzig war als Hersteller weltbekannt.

Der Klang ihres Musikautomaten „Helios“ kann mittels des Links: 

https://www.museen-koenigslutter.de/highlights/orchestrion-helios/

angehört werden.

 

Aufgrund der technischen Entwicklung sind heute andere Geräte, welche durch Elektrik und Elektronik wesentlich kleiner, leistungsfähiger und billiger sind, zur Musikwiedergabe einsetzbar. Hierdurch sind die technisch sehr aufwendig gebauten Orchestrions in der Öffentlichkeit ganz verschwunden.

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