Arbeitskreis Historie Kappel- Grafenhausen
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Das Christophelesgebet von Grafenhausen

Rückblick: Im August 1951 erschien folgender Artikel  von Albert Köbele im „Der Altvater“ , Heimatblatt der „Lahrer Zeitung“, der hier in unveränderter Form wiedergegeben wird:

Einer alten Sage nacherzählt von Albert Köbele

 

Wann diese Geschichte sich ereignete, kündet uns keine Urkunde. Aber einst sollen sich vier Männer in Grafenhausen gefunden haben, denen Geld und irdisches Gut über alles ging. Sie berieten an langen Winterabenden in unverhohlender Gier nach einem großen Schatz, wie es wohl  anzustellen sei, um hinter die Geheimnisse zu gelangen.  Das Weibervolk saß beim Kienspan am surrenden Spinnrad, die Burschen und Mädchen in lustiger Unterhaltung, bei Scherz und Gesang. Hanf und Flachs, der auf den Feldern des Dorfes stattlich heranwuchs, wurde gesponnen und von den einheimischen Webern zu köstlichem Leinentuch verarbeitet. Die vier Gesellen aber saßen in der dunkeln Ofenecke, wohin das schwache Licht des Kienspanns nicht mehr drang, und spannen ihren eigenen Faden unentwegt weiter. Keiner traute so recht dem anderen, denn wie sehr sie auch nach dem Geheimnis der Schatzgräberei trachteten und nach einem glitzernden Reichtum, so mißgönnte jeder dem anderen einen Teil davon und wollte ihn für sich allein haben.

 Da war aber einer dabei, der nicht wie die andern das Jahr über auf dem Acker schuftete, sich mit Wind und Wetter, Knecht und Magd, Vieh und Roß herumschlug, sondern in manch listigem  Geschäftchen in der Nachbarschaft und in der Stadt seine Gulden zu mehren verstand. Er pflegte öfter mit dem Leinentuch aus den Dörfern nach Straßburg zu fahren, wo es bei dem Stadtvolk sehr begehrt war, um es dort auf dem Markte den Händlern und den Weibern feilzubieten.  Und dort hatte er auf dem Münsterturm von einem Steinmetz, der an den Figuren zum Münster unserer Lieben Frau meißelte und formte, das Geheimnis gegen manch kühlen Trunk erfahren. Diese Steinbildner, weitgereist und vielerfahrene Gesellen aus aller Herren Länder, hatten Kunde von vielen dunkeln Künsten von Teufelsbeschwörung und Goldgräberei. Eines Tages aber hatte der hagere Burgundergeselle in der Domstube dem gierigen Händler aus Grafenhausen das Geheimnis verraten.

 Die in der Ofenecke rückten näher zusammen und lauschten mit verhaltenem Atem der Erzählung des Krämers. Nun wähnten  sie sich der Erfüllung ihres heimlichsten Verlangens näher. Man müsse, so berichtete der Kundige, 14 Nächte lang, bis zum vollen Monde hin, in der Stunde von Mitternacht bis ein Uhr das Christophelesgebet  beten und erhielt dann in der letzten Nacht die sichere Kunde, wo ein Schatz verbogen läge und wie er zu heben sei. So berieten sie denn nun, wie sie es anfangen wollten; und nach einigen Tagen, als der Mond zu wachsen begann, setzten sie sich zusammen, Nacht für Nacht, in einer abgelegenen Hinterstube, heimlich, ohne Wissen ihrer Weiber, und beteten das Christophelesgebet, jeweils drei Vaterunser und den Glauben von vorn nach hinten und von hinten nach vorn, andächtiger und inbrünstiger denn je in ihrem Leben sie gebetet hatten. Denn der Heilige Christophel, einer der mächtigen Vierzehn Nothelfer, war einst ein Mann von Riesenkräften und übermenschlicher Größe im fernen Morgenlande gewesen, der sich nur dem Stärksten zu dienen verschworen hatte. Da er aber keinen ihm ebenbürtigen Riesen gefunden hatte, so verschrieb er sich dem Teufel selbst, um mit dessen Hilfe allerhand Macht und Reichtum zu erwerben. Und an diesen Heiligen wandten sich die vier Geldgierigen von Grafenhausen, der schon vielen geholfen haben soll, so schändlich Heiliges und Unheiliges  zu vermengen, das Heil der Seele um schnöden Mammon aufs Spiel setzend.

 Nach 13 so verbrachten Nächten, als der Mond in heller Pracht die Nacht fast zum Tage machte und sie in fieberhafter Erwartung der zwölften Stunde harten, welche die Erfüllung bringen sollte, klopfte es an den Fensterladen. Eilig schoß einer zu öffnen, es könnte nun der Heilige die Nachricht vom Schatz bringen. Ein Männlein fand sich draußen, zitternd in der Kälte, schwach und gebückt, ein schweres Felleisen auf dem Rücken, und begehrte um Gotteswillen Erquickung und Herberge für die Nacht. Zornig und ärgerlich wies man ihn ab, da man just in dieser  Nacht keinen Gast gebrauchen konnte. Man verlachte höhnisch den Alten und schickte ihn zum Nachbarn hinüber, der in einfältiger Mildtätigkeit für alles Gesindel ein Herz habe und das Bettelvolk zu beschenken pflege. Dann schlossen sie sich wieder ein, inbrünstiger setzten sie das Gebet fort und bestürmten den Heiligen um seine Fürbitte zu dem dunklen Werk. Bis zum frühen Morgen warteten sie, nichts geschah, in ihr Herz zog Zweifel. Unter gegenseitigen Vorwürfen und Klagen begannen sie Streit miteinander und in Haß und Zwietracht verließen sie das Haus und die dumpfe Stube.

 Draußen stieg in Feuergluten die Morgensonne über die Schwarzwaldberge empor und gerade kam aus dem Nachbarhause der alte Wandersmann heraus, erfrischt und gestärkt, sich unterm Hoftor in Dankesworten vom freundlichen Bauern und der Bäuerin verabschiedend. Dann lief das Männlein eilig das Dorf hinaus, dem anbrechenden Tag entgegen, und ward bald nicht mehr gesehen.  Auf einmal sprang der Bube aus dem Nachbarhaus heraus, den Alten suchend, der in der Vergeßlichkeit des Alters das Felleisen zurückgelassen hatte. Aber man fand ihn nicht mehr, der doch kaum vor den letzten Häusern des Dorfes hätte sein können, wie sehr man auch suchte. Auch der Fuhrmann, der eben  das Dorf hereinfuhr, hatte draußen weit und breit keine Seele erblickt.

 Das Felleisen fand man aber jetzt so schwer, daß man sich wunderte, wie es der alte Mann habe schleppen können, es klingelte und klang in ihm, und als man es endlich doch öffnete, da rollten die puren Goldstücke auf den Boden, der ganze Sack war prall gefüllt bis auf den Boden, Goldstück, Taler, Gulden und große und kleine Münzen, ein reicher Schatz, ein unermeßlicher  Reichtum in das arme Bauernhaus.

 Das Glück wurde schnell im Dorfe bekannt. Voll Neid und Mißgunst die einen, voll Glück und Freude die anderen. So erfuhren es auch die vier Teufelsanbeter und erhoben laut Anspruch auf den Schatz, den sie sich durch ihr Chrisophelesgebet erwirkt hätten und der nur durch Zufall in das Nachbarhaus gekommen sei. Schließlich meldete der Vogt den Streit der Ettenheimer Herrschaft und der Schaffner erschien und holte den Schatz, der dem Landesherrn zu Recht gehöre. Einen reichen Lohn übergab er aber dem guten Bauern, der durch seine milde Tat an dem alten Manne den Schatz erlangt habe.

 Die vier Teufelsanbeter aber wurden streng bestraft, ernteten Spott und Hohn genug, gerieten immer mehr in Streit miteinander, kamen in Unglück und Schulden und endeten in trüben Zeiten. Sie hatten die Probe des Himmels auf ihr lästerliches Tun nicht bestanden. Was sie in der Gier des unreinen Herzens, wahllos in den Mitteln, zu erstreben getrachtet, wurde dem andren zuteil, der selbstlos und ohne Begierde auf irdischen Lohn das gute Werk vollbracht hatte.

                                                       

Verfasser: Albert Köbele

Quelle: „Der Altvater“, Heimatblatt der „Lahrer Zeitung“ vom August 1951

 

Erklärungen:

  „Felleisen“ = meist lederner Rucksack , wie er früher von Handwerksburschen getragen wurde.

 „Schaffner“ = ursprüngliche Bezeichnung des Vermögensverwalter einer Stadt, eines Klosters oder eines Hauswesens.

„Christophelesgebet“ = Beschwörungen die im Christophelbüchlein niedergeschrieben sind; die Beschwörungen beziehen sich auf die mittelalterliche Legende von Christophorus, einer der  vierzehn Nothelfer und als solcher auch beschworen, Geld zu bringen bzw. dem man auch die Gewalt über alle in der  Erde verborgenen Schätze und bösen Geister gab.

Quelle: Wikipedia

 

Beitrag von Claus Leser

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