Arbeitskreis Historie Kappel- Grafenhausen
Arbeitskreis HistorieKappel- Grafenhausen

Erinnerungen von     Franz Glück

Franz Glück 
Kappel-Grafenhausen 

  
Mit dem Volkssturm löschen in Kappel 



Nach der Kriegserklärung Frankreichs und Englands am 3. September 1939 war ich gerade 11 Jahre alt. Ich erinnere mich, ich war dabei, als am gleichen Tag Frauen mit kleinen Kindern sowie ältere und kranke Leute evakuiert wurden. Wir kamen zuerst nach Ettenheimmünster, dann weiter nach Ebingen und Balingen in Württemberg und schließlich in die Gegend von Kaufbeuern in Bayern. Wir, die Mutter mit meinen drei kleinen Geschwistern und die Oma, wurden in Untergermaringen, einem kleinen Dorf bei Kaufbeuren untergebracht. Die in Kappel zurückgebliebenen Einwohner gingen ihrer Arbeit nach. Die Bunker des Westwalls wurden durch Soldaten besetzt, aber sonst blieb es ruhig an der Westfront. 
Inzwischen ging der Polenfeldzug zu Ende und wir durften kurz vor Weihnachten 1939  wieder nach Hause. Diese Lage änderte sich, als am 10. Mai 1940 der Frankreichfeldzug  begann, denn am 4. Juni 1940 mussten sämtliche Einwohner von Kappel auf Anordnung der 
Kreisleitung das Dorf räumen. In langen Reihen fuhren die mit Hausrat und Futtervorrat beladenen Wagen, auf denen Frauen, Kinder und alte Leute saßen, in das 20 km entfernte Sulz bei Lahr.  Wann und wie man die Heimat wieder sehen würde, war ungewiss. 
Am 16. Juni 1940 setzten deutsche Einheiten bei Kappel über den Rhein. Viele deutsche  Soldaten sind bei diesem Angriff gefallen; einundzwanzig von ihnen fanden auf dem  Kappler Friedhof ihre letzte Ruhestätte. Nach l7-tägiger Abwesenheit durften wir wieder in unsere Heimat zurückkehren. Das Dorf war unversehrt geblieben.
Nach dem Frankreichfeldzug und der Wiedereingliederung des Elsass in das Deutsche  Reich schien für Kappel eine Zeit zu beginnen, in welcher aus seiner Lage an der  Grenze nie mehr eine Gefahr entstehen könnte. Es blieb so bis zur Landung  der alliierten Truppen im Westen, dann näherte sich der Kriegsschauplatz wieder unserer  Heimat. Im Herbst 1944 nahm der Luftkrieg durch dauernde Angriffe auf kleinere Orte  bedrohliche Formen an, selbst bei der Feldarbeit war man von den Tieffliegern nicht mehr sicher. Seit Mitte Oktober 1944 wurde die Rheinbrücke Kappel-Rheinau wiederholt angegriffen. 
Auf Anordnung der Kreisleitung mussten ab Ende Oktober 1944 Angehörige der HJ (Hitlerjugend) die Luftüberwachung im Raum Kappel übernehmen. Man befürchtete, dass nachts feindliche Fallschirmjäger in dem großen, unbebauten Gebiet zwischen Kappel und dem Rhein (das ist im Taubergiessengebiet) abgesetzt werden. Aus diesem Grunde wurde auf dem Türmchen des Gasthauses “Linde“ in Kappel ein Beobachtungsstand eingerichtet. Besetzt mit jeweils zwei Mann; Wachablösung nach zwei Stunden bis Tagesanbruch. Das Wachlokal mit zwei Betten befand sich im Rathaus, im jetzigen Bürgerbüro. Untertags ging es zum Schanzen (Schützengraben ausheben) jenseits des Rhein im Rheinauer Gebiet. 
Nun überstürzten sich die Ereignisse, denn der Rhei wurde im November 1944 wieder Hauptkampflinie. Von Anfang Dezember 1944 an lag Kappel täglich unter Artilleriebeschuss aus dem Elsass. Durch den anhaltenden Beschuss war ein weiteres Verbleiben im Dorf unmöglich, deshalb musste am 20. Dezember 1944 um Mitternacht (wegen der Fliegertätigkeit am Tage) die gesamte Bevölkerung von Kappel mit Hab und Gut auf Fuhrwerken das Dorf verlassen. Zufluchtsort für die meisten war zum zweiten Male Sulz bei Lahr. Wegen des Winters war die Unterbringung dort für Mensch und Tier, auch für die Sulzer selbst, besonders schwierig. 
Zurück in Kappel blieben dann nur noch ältere Männer und wir 16- und l7-Jährige. Diese Zurückgebliebenen wurden zum Volkssturm verpflichtet und trugen eine Armbinde mit der Aufschrift: “Volkssturm Deutsche Wehrmacht“. Jeder von uns hatte ein Gewehr. Das Wachlokal war bei Wilhelm Kölble in der Kirchstrasse 5 (jetzt Rathausstrasse). Jedes Haus musste zugänglich sein, das heißt, die Haustüre durfte nicht verschlossen sein. An jeder Haustüre war ein Plakat angebracht mit der Aufschrift: ‘Wer plündert, wird erschossen“. 
Ein älterer Wachhabender teilte uns ein. Patrouilliert und kontrolliert wurde jeweils mit zwei Mann – und zwar alle vier Ortseingänge, sämtliche Strassen und Wege, jeweils im Zweistundentakt. Wegen des immer wieder einsetzenden Beschusses waren diese Patrouillen sehr gefährlich. 
Nicht alles Vieh konnte in Sulz untergebracht werden. Das zurückgelassene Vieh zu füttern war unsere Aufgabe bis zu dem Tag, an dem das Vieh auf Abruf nach Lahr gebracht werden musste. Der Viehtransport auf den vereisten Strassen nach dem 20 km entfernten Lahr geschah zu Fuß  und nur nachts. Wenn wir den beschwerlichen Weg durch Eis und Schnee geschafft hatten, konnten wir oft nur kurz in unserem Quartier in Sulz bleiben und mussten dann wieder zurück nach Kappel. 
Unterdessen ging der Beschuss auf Kappel Tag und Nacht weiter. Ziel war die Kappler Kirche, auf dessen Turm sich ein Artilleriebeobachtungsposten befand. In jeder Strasse schlugen die Granaten ein; Löschen war nicht möglich, auch war das Wasser eingefroren. Das Feuer in der Scheune des Markus Wieber in der Kirchstrasse konnte ich im Anfangsstadium mit Apfelmost aus dem Keller des Anwesens löschen.  Die Feuerwehrspritze stand wegen des andauernden Beschusses im Turbinenraum der Kappler Mühle, von dort lagen die Schläuche zu den in der Nähe liegenden Brandstellen. 
Doch nach kurzer Zeit waren sämtliche Schläuche durch Granatsplitter durchlöchert und unbrauchbar. Die Stromleitungen im Dorf waren ebenfalls zerschossen. Das Wachlokal in der Kirchstraße wurde mit Strom aus der Mühlenturbine versorgt, die Leitung dorthin wurde täglich durch Granatsplitter beschädigt und musste immer wieder repariert werden. 
Gefürchtet war nicht nur der Bombenabwurf, sondern auch der Beschuss aus den Bordwaffen der Jagdbomber. Selbst in Sulz war man nicht mehr sicher, denn am Neujahrstag 44/45 wurde das Dorf bombardiert. Ein Kappler Junge kam dabei ums Leben. 
Vergessen werde ich nie den 14. Februar 1945 (Aschermittwoch), Tag und Nacht lag das Dorf unter Artilleriebeschuss vom Elsass her. Ziel war die katholische Kirche von Kappel, bis dieselbe brannte und mit ihr fünfzehn weitere Anwesen. Löschen war auch hier nicht möglich. Auch das Pfarrhaus brannte. Der damalige Pfarrer Tröscher kam von Sulz zu uns ins Wachlokal und bat uns, ihm zu helfen. Wir gingen trotz Beschuss mit ihm, und obwohl der Dachstuhl schon eingestürzt war, konnten wir noch Möbel aus dem Haus holen. Fruchtvorräte der Nachbarn waren im Keller untergebracht. Sie vor dem Feuer zu schützen gelang uns mit einer kleinen Luftschutzspritze. Das Wasser hierfür brachte uns in Eimern die Tochter des ehemaligen Messners. 
Auch nachdem die Kirche abgebrannt und somit auch keine Beobachtungsmöglicheit mehr da war, wurde noch täglich herübergeschossen. Das Dorf lag bereits in Schutt und Asche, als am 25. Februar 1945 nochmals drei Anwesen niederbrannten. Es war den wenigen Männern, die im Dorf waren, nicht möglich,
die rasch um sich greifenden Feuerherde zu bekämpfen. Manches Gebäude hätte man retten können, wenn mehr Leute zum Löschen vorhanden gewesen wären. 
Am 3. März 1945 musste ich zum RAD (Reichsarbeitsdienst) nach Esslingen am Neckar einrücken. Zurück in Sulz blieben meine Mutter mit meinen drei kleinen Schwestern und meine Grosßmutter. Mein Vater war zu dieser Zeit an der Westfront. 
Das Kriegsende erlebte ich nach tagelangem Marsch bis an den Kochelsee in amerikanischer Gefangenschaft im Lager Schongau am Lech. Im August 1945 wurde ich als Jugendlicher vom großen Gefangenlager Neu-Ulm in die amerikanisch besetzte Zone entlassen. Die Amerikaner entließen ihre Gefangenen nur in die von ihnen besetzte Zone. Von Neu-Ulm bis Heidelberg transportieren uns die Amerikaner, dort musste man vom Lkw absteigen und war sich selbst überlassen. 
Auf Umwegen kam ich zusammen mit zwei Kameraden und mit einer Hacke auf der Schulter  Ende August 1945 wieder heim. Vier Wochen später musste ich auf dem französischen  Militärbüro in Ettenheim meinen amerikanischen Entlassungsschein abgeben und erhielt  dann einen “LIBERATION PROVISOIRE“ (vorläufigen Entlassungsschein). Eine französische Gefangenschaft blieb mir jedoch dann erspart. 

Franz Glück

 

 

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